„Das Schriftstück scheint uns mehr erzählen zu wollen“

Ein Einkaufzettel im Gras, eine Frau, die ihn aufhebt, und eine andere, die ihn sich vorlesen läßt: Urszene einer neuen literarischen Gattung, von der Erfinderin Zettelgeschichten genannt. Der Stoff also lag buchstäblich am Wegesrand. Vielleicht war gerade dies entscheidend – daß der Zettel nicht in einem Einkaufswagen, auf einem Packtisch, gleichsam in seinem natürlichen Milieu aufgefunden wurde. Dort hat man ihn selbst ja schon erlebt, diesen unvermuteten Einblick in eine fremde Besorgung, etwas Intimes, das man flüchtig, neugierig zur Kenntnis nimmt und wieder vergißt. Im Mai 2004 aber geschah etwas anderes. Das Stück Papier wurde genau betrachtet (von der Finderin), genau beschrieben (für die andere, die blind war) und gemeinschaftlich gedeutet, will heißen: zum Erzählen gebracht. Und danach viele andere, aus ihrer Existenz als karge Wortlisten überführt in ganz erstaunliche Kurzgeschichten. Entscheidend seitdem nicht mehr der Fundort, auch nicht die zweite Person, allein vielmehr die Phantasie, die Erzähllust der Schreiberin.

Der bunten Folge ihrer Tätigkeiten in Hochschulen, Post und Schiffahrt, Tankstelle, Landwirtschaft, Altenheim, Kumon-Mathematikschule, Wohngemeinschaft für Demenzkranke hat sie seit Jahren das Schreiben eingefügt, sich an Literaturwerkstätten und öffentlichen Lesungen beteiligt, kleine Arbeiten publiziert. Und mit den Zettelgeschichten eine originelle Form geschaffen. Denn weitab vom naheliegenden Schreibspiel, aus den Wörtern auf dem fremden Zettel eine eigene Geschichte zu bauen, sind Kathrin Pläckings Erfindungen variantenreiche Kombinationen von Stichworten der „Vorgabe“ mit freiem Fabulieren. So frei mitunter, daß die Beziehung der erfundenen Person zu „ihrem“ - der Geschichte  im Abdruck stets beigefügten - Einkaufszettel nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, zumindest wenn man sich nur an die Worte hält. Sie habe jedoch, schrieb mir Kathrin Pläcking, manchmal Lust, sich weniger von den Worten, als von der Handschrift – dem Druck, der Geschwindigkeit, der Anstrengung darin – leiten zu lassen. So oder so: Man ist auf den Bezug aus, genießt es, ihn zu entdecken und ist zugleich fasziniert, wie verschieden von der eigenen vagen Vorstellung die Geschichten ausfallen. Ein großes Lesevergnügen, gemischt mit Bewunderung für die Autorin, der es glückt, mit diesen Blitzlichtern eine Ahnung von dem ganzen Leben der Personen wachzurufen.

Brigitte Burmeister, Berlin,  Februar 2009