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Walters Zettel

 

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Findest du Walter einen schönen Namen?

„Findest du Walter einen schönen Namen, Oma Ansbach?“ - „Wie kommst du denn da drauf?“ - „Hier steht, man soll seinem Kind einen schönen Namen geben. Einen, mit dem es sich identifizieren kann.“
     „Identifizieren“ hat er ohne zu stocken gelesen.
     „Findest du denn deinen Namen nicht schön?“ - „Naja. Und du?“ - „Natürlich, ist doch ein guter Name: Walter. Walter, ganz normal. Mein Bruder hieß auch Walter. Ich weiß aber nicht, ob er sich daran infiziert hat.“
     Sie kichert. Seine Oma Ansbach ist total auf der Höhe, überhaupt nicht irgendwie gestört durch ihr Alter. Dabei ist sie schon seine Urgroßmutter und 87. Sie sitzt ihm gegenüber am Küchentisch und lächelt ihm ins Gesicht. Vielmehr durch sein Gesicht durch. Vielleicht sieht sie da hinten ihren toten Bruder Walter oder die Nachkriegszeit oder noch was, was es nicht mehr gibt. Oma Lisa, ihre Tochter, sagt, sie kenne sich schon langsam nicht mehr aus. Aber Walter findet das nicht. Er nimmt sich vorsichtig und ohne ein Geräusch zu machen ein Mon Chéri aus der Packung. Da ist Alkohol drin und Oma Ansbach findet, er sei noch zu jung dazu, aber ist er nicht, in seiner Klasse rauchen die meisten schon. Oma Ansbach sieht fast nichts mehr. Er kommt zwei- oder dreimal die Woche und liest ihr Frau im Spiegel vor. Und die Hör Zu will sie immer. Und natürlich die Wochenblätter mit den Anzeigen, die gratis im Briefkasten liegen. Aldi, Lidl. Edeka. Er liest ihr alles vor und sie vergleicht genau die Preise. Und dann nimmt sie doch meistens was anderes.
     Nudelsalat und Klopapier, das brauche sie auf alle Fälle, hat sie ihm heute als Erstes gesagt, noch bevor er die Jacke übers Sofa geworfen und sich Milch aus dem Kühlschrank genommen hat. „Nudelsalat und Klopapier, okay“, sagt er und nimmt den Kugelschreiber und schreibt es auf. Er blättert in der Neuen Revue, und findet das von den Namen. Nomen est omen. Wie wichtig es sei, dass man seinen eigenen Namen gern habe. Sonst könne man sich selber nicht gern haben.
     Immerhin, Oma Ansbach findet seinen Namen okay.
     „Ich muss noch Deutsch und Mum machen“, sagt er, „und um fünf ist Fußball.“ - „Spielt ihr denn auch, wenn´s regnet?“ - „Dann eben in der Halle!“ Oma Ansbach ist lieb, aber sie hat keine Ahnung. „Was soll ich noch einkaufen?“ - „Ach, schau doch mal, was es alles gibt.“ Das sagt sie immer so, als ginge sie mit ihm zum Spielplatz. Wie früher. Und sie lehnt sich zurück und schließt die Augen hinter der Brille, die sie nur deshalb aufhat, sagt sie, weil sie sonst das Gefühl hat, gar nichts mehr zu sehen.
     Walter liest vor. Die Computer und das Akkuladegerät lässt er weg, das ist nichts für Oma Ansbach. „Grünbelag-Entferner“, sagt er. Sie lacht. „Was soll das denn sein? Gegen den Schimmel, den ich schon ansetze?“ Sie kräuselt die Stirn und macht den komischen Mund, bei dem Walter immer lächeln muss. Er möchte Oma Ansbach für immer behalten. Vor allem, wenn sie den Finger hebt und sagt: Du veräppelst mich, du Lauser.
     Er liest vor, was es alles gibt. Bei abgepacktem Fleisch schimpft Oma Ansbach jedes Mal und erzählt, wie sie früher das Schwein geschlachtet haben und alle miteinander Wurst machten. Heute überspringt Walter das abgepackte Fleisch, weil er pünktlich zum Fußball kommen will. Er will schon umgezogen sein, bevor die anderen kommen. Bei Regenjacken für Damen und Herren bleibt es ruhig, manchmal schläft Oma Ansbach ein über Aldi und Edeka. Dann weiß Walter, wo er Mon Chéri oder Cognacbohnen findet. Aber heute soll Oma Ansbach nicht einschlafen. Er will schnell einkaufen und er muss noch die Fragen zu dem Gedicht beantworten. Und dann zum Fußball. Bei der Riesenschokolade macht sie die Augen auf: „Die schreib´ mal auf.“ Die ist bestimmt für mich, denkt Walter. Alles andere, was er vorliest, ist am Ende völliger Unsinn. „Was die Leute aber auch alles kaufen“, sagt Oma Ansbach, „das geht doch in keinen Verstand.“ Und sie kneift die Lippen wieder so zusammen, dass diese kleinen lustigen Grübchen entstehen. „Bring noch Sahne mit, 2 Becher, und Milch.“ Walter schreibt „Milk“. Er zappt sich mal schnell weg aus dem Regionalprogramm von Oma Ansbachs Küchentisch. Milk schreibt er, als wäre er beim BBC, ein anderer, und hieße Mike oder Andy.
     „Und von den kernfreien Trauben kannst du bringen und Obst.“ - „Was denn für welches?“ - „Na, was es so gibt“, sagt Oma Ansbach und Walter schreibt alles auf, was ihm einfällt. „Wir können uns Obstsalat mit Schlagsahne machen“, sagt sie. „Aber ich kann ja nicht lange bleiben“, sagt er noch mal. „Na, schade“, sagt sie, „dann bring nur einen Becher Sahne.“ Und er nimmt die alte Einkaufstasche aus Rindsleder, aus eigener Schlachtung, schon ganz abgewetzt, die hängt am Haken, hinter der Schürze, die grau ist und weich, vor lauter Alter.
     Die Wohnungstür fällt hinter ihm zu und er rennt die drei Treppen runter, zwei Stufen auf einmal. Dieses blöde Gedicht wird ihn Nerven kosten, und er will nicht, dass ihn die anderen Jungs in seinen Unterhosen sehen. Vor der Haustür bremst er, stopft die Tasche unter seine Jacke und schiebt die Hände in die Hosentaschen. Jedenfalls auf dem Hinweg braucht ihn niemand mit Einkaufstasche zu sehen. Kevin wäre auch gut. Mit Kevin könnte er sich identifizieren, oder mit Patrick. Und schwarze hipshorts hätte er gern.
     Bei Edeka nickt ihm die Frau hinter der Wursttheke zu, „Hallo Walter, wie geht´s denn der Oma?“ „Ach, der geht´s gut“, sagt er. Ob die Trauben kernlos sind, weiß er nicht, ist ihm auch jetzt mal egal. Scheiß drauf, sagt er leise, und legt sie in den Einkaufswagen. Die Mandarinen und Trauben packt er oben in die Tasche, und er achtet drauf, dass das Töpfchen mit dem Nudelsalat nicht kippen kann.
     Als er aus Edeka kommt, sieht er einen Jungen, der unter seinem Fahrrad hervorkriecht und fast heult. „Tut´s weh?“ fragt Walter und hilft ihm am Ellbogen. Der Junge presst die Lippen aufeinander. Er ist noch klein, vielleicht zehn? Walter kann das nicht schätzen. Die Finger, mit denen der Junge sich jetzt die Augen ausreibt, haben abgebissene Nägel. Vielleicht heißt er auch Walter? „Wie ist denn das passiert?“ Statt einer Antwort bekommt er einen schnellen Blick zur anderen Straßenseite. Da stehen drei, einen kennt Walter, der war mal bei ihm in der Klasse, und den anderen kennt er auch, Denny, der ist beim Fußball dabei. „Heißt du auch Walter?“ fragt er den Jungen leise. „Quatsch!“ sagt der. Und bevor er noch sagen kann, dass er Kevin heißt oder Patrick, hat Walter ihm einen Stoß versetzt, dass er nur so fliegt. Ganz schnell ging das. Walter geht und sieht sich nicht um. Auch nicht zur anderen Straßenseite.
Es ging so schnell.
     Oma Ansbach, stöhnt er. Und hält mit solcher Kraft den Henkel der rindsledernen Einkaufstasche, dass seine Fingerknöchel ganz weiß werden.